Thema: Ungewöhnliche Studentenjobs - Aktzeichnen. (von Fabian Spengler, 2014)

Thema: Ungewöhnliche Studentenjobs - Aktzeichnen. (von Fabian Spengler; HNS Reportage 2014)

Entblößtes Studienobjekt


Auf Alexejs blassem, kantigem Gesicht liegt ein dünner Schweißfilm. Der 23-Jährige starrt angestrengt auf ein Bücherregal an der Wand.
Die Hände hat er vor der Nase zu Fäusten geballt, die Linke vor der Rechten, bereit sich zu verteidigen. Die Beine sind angespannt. Alexej ist erstarrt.
Nur sein nackter Bauch bläht sich regelmäßig auf und zieht sich wieder zusammen. Sieben Minuten steht Alexej so auf einem kleinen Podest, in einem
engen Zimmer in einer Wohnung in Offenbach. Zwei grelle Scheinwerfer leuchten jeden Winkel von Alexejs Körper aus. Auf dem hellen Eichenholz-Parkett sitzen
und knien drei Frauen und sieben Männer. Still mustern sie den jungen Mann in ihrer Mitte für ein paar Sekunden, dann sinken ihre Blicke wieder auf ihre
Zeichenblöcke. Ein schrilles Handyklingeln: „Pause!“, ruft der Künstler Wolfgang Voss. Alexej lässt die Hände fallen und krault seine behaarten Hoden.
Mit einem Glas Wasser in der Hand verschwindet er im Schlafzimmer und schließt die Tür hinter sich.

Jeden Montagabend findet bei Voss ein zweistündiger Aktzeichnen-Kurs statt. Die Teilnehmer zeichnen frei. Meistens stehen Frauen Modell. Männer sind selten und
ziehen daher viele Teilnehmer an. Alexej ist zum ersten Mal bei Voss gebucht. In machen Monaten posiert der Kunstgeschichte-Student mehrmals,
dann wieder wochenlang nicht. „Ich habe einen ungewöhnlichen Job gesucht, bei dem ich etwas erleben kann“, erzählt Alexej. Kurz nach dem Abitur vor vier Jahren
posierte der gebürtige Moldauer zum ersten Mal. „Auf dem Weg zum Kurs war ich schon ziemlich nervös. Aber das war weg, als ich auf der Bühne stand.“

Nach fünfzehn Minuten Pause tritt Alexej zurück auf das Podest. Er lehnt seinen schlanken Oberkörper nach vorne, streckt die leicht behaarte Brust raus und
breitet die Arme aus – wie ein Eiskunstläufer, der nach seiner Kür auf den Applaus wartet. Um Alexej herum kratzen die Bleistifte schnell über das raue
Zeichenpapier, ein Anspitzer knarzt. Die Luft riecht nach Holz. Auf Alexejs Kopf zittern die hochgegelten braunen Haare. Nach zwei Minuten schrillt der Alarm. Alexej atmet aus.

„Manchmal, unter körperlicher Anstrengung, hat das Posieren etwas Melancholisches“, erzählt er. Alexej meditiert währender Posen. 20 Euro pro Stunde bekommt
Alexej dafür bei Voss, in anderen Kursen sind es auch mal 25. Es sei der perfekte Job für ihn, weil er physisch und psychisch gefordert sei, erklärt Alexej.
Demnächst will er häufiger posieren, weil ihm wahrscheinlich das Bafög gekürzt wird und er mehr Geld braucht.

Ein Kursteilnehmer im roten Kaschmir-Pulli, mit weißem Haarkranz und Dreitagebart, kniet einen Meter vor Alexej auf dem Parkett. Er ist der einzige im Kurs, der
mit Füller statt mit Bleistift zeichnet. Der Mann taucht die Feder seines hölzernen Füllers ins schwarze Tintenglas. Dann zieht er kurze, geschwungene Striche
über das Papier. Die Striche werden dünner. Die Feder taucht wieder ins Tintenglas. Zuerst zeichnet der Mann die rechte Flanke von Alexej, die geschwungenen Striche
ergeben einen geraden Oberkörper mit ausgestreckten Armen. Alexej ist an ein imaginäres Kreuz genagelt. Der Handyalarm rettet ihn.

„Ich liebe Christus als literarische Figur“, sagt Alexej. Als ihn einmal seine Freundin verlassen hat und er danach unglücklich in eine andere Frau verliebt war,
lernte Alexej noch eine andere Seite am Modell stehen kennen: „In der Phase wurde mir klar, dass der Akt für mich auch eine Art ist, meine Gefühle
kennen zu lernen und darzustellen.“

Einmal saß in einem Kurs zufällig ein Mädchen, das ihn vorher abgewiesen hatte. Bei der letzten Pose drehte Alexej sich von dem Mädchen weg, die rechte Hand auf
dem Herzen, die linke auf dem Rücken – mit verschränkten Fingern. Etwa die Hälfte seiner Posen überlegt sich Alexej selbst, den Rest wünschen sich die Kursteilnehmer.

Alexej dreht seinen Rücken zu den Teilnehmern. Er lehnt seine Stirn an die Wand und verschränkt die Arme über dem Po. Das rechte Bein winkelt er leicht an.
Der Raum wird stiller, keine hektischen Bleistifte, keine Anspitzer mehr. Der Mann im roten Pulli säubert seine verschiedenen Füller in einem Wasserglas
und tupft sie mit einem grünen Papierhandtuch ab. Dann legt er sie behutsam in ein rotes Federmäppchen. Nach zehn Minuten klingelt wieder der Alarm. Nach und nach
legen die Kursteilnehmer ihre Blöcke auf den Boden und applaudieren. „Du hast uns tolle Angebote gemacht“, sagt eine brünette Frau am Fenster.
Alexej verneigt sich. Er lächelt verschmitzt.




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