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WOLFGANG VOSS - KUNST - TEXTE 4 - INDEX
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TEXTE: |
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Künstlerfrühling 1997
Texte zu Bildern von Andreas Ziller, Rosita Oremek und Iris Dettbarn.
Zum Künstlerfrühling
1997 gab es die Idee der "Spontanführungen": mit einer minimalen
Vorbereitungszeit von ein paar Stunden wurden mehr oder weniger oder gar nicht
persönlich
bekannte Künstlerkolleginnen und Kollegen vorgestellt. Es galt also sich sehr
spontan und
einfühlsam auf z. T. ganz und gar unbekannte Werke ein zu lassen...
6 Künstlerinnen und Künstler hatte ich mir damals vor genommen.
Einige Texte sind noch
erhalten aber nicht alle können mit den entsprechenden Werken illustriert
werden; die vorerst einzigen vollständig rekonstruierbaren Texte sind
jene über Iris Dettbarn,
Rosita Oremek und Andreas Ziller:
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Blickstörung, 1997, Öl auf Leinwand, 83 x 87 cm
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Die Betrachtung beginnt,
ohne dass ich den Titel kenne. Ein Wechsel in einer Landschaft?
Flächen die ineinanderwirken? Eine Bretterwand mit Schlitz? Ein Einschussloch?
Vermutungen,
die ich als zu statisch empfinde. Mir scheint, hier ist eigentlich eine
langsame Bewegung
gemeint. Zieht Nebel auf? Schiebt sich eine Eiszeit voran?
Auch hier geht es wieder
um Balance. Homöostase: In's Gleichgewicht gebrachte Kräfte.
Fremdes und Eigenes und dabei wissen: Beides kann ohne einander nicht sein.
... Und hat auch etwas
von einem Haus mit Stichstrasse oder einer kopflosen Figur mit Schnorchel
im Dunst...
Vernebeln, umschließen. Was Kleistert uns zu und was könnte Abhilfe bringen?
Die fertigen Bilder
sehen für den Betrachter. Wo bleibt unter 47 Kanälen noch Platz für
eine nachwachsende Neugier. An einem Seil hinabgelassen in den wabernden
Nebel
von dem, was vorgefertigt ist. Befreiung oder Einschussloch? Wo bleibt das,
was anders ist?
Schließlich erfahre ich
nicht nur den Titel des Bildes ("Blickstörung"), sondern bekomme
auch
noch ein Selbstzeugnis des Künstlers in die Hand:
"Die
Langsamkeit
des Augenblickes
im Malen,
um an der Erinnerung
vorbeizusehen
ergibt die
Möglichkeit des
zufälligen Blickes
außerhalb des Bildes."
Malen schafft
"Eigenzeit". Malen schafft Abstand des Erinnerns und den Abstand
von
unmittelbarer Verwirklichung.
An der Erinnerung
vorbeisehen: Sie Revue passieren lassen und absehen von der eigenen
Umtriebigkeit. Der Abstand vom Machbarkeitsdenken durch zweckfreies Tun
entspricht dem
Abstand dieser Kunst von naturalistischer Malerei. Hier eine Malerei
jenseits des naturalistischen
Abbildes, deren Tun und Zeit sich selbst Thema ist. Ein absichtsloser Blick
auf den eigen
Entstehungsprozess, ein Tun das wirksam wird, indem es ein "freies Spiel
der Kräfte" ermöglicht.
Kunst, vom Krampf des
abbildenden Blickes befreit, ermöglicht sich den Zufall neuen Zugangs
jenseits der schon besetzten Bedeutungen.
Ein Kinderbild zum Vergleich - Ein Höhleforscher:
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Eine konkrete
Figur wird abgeseilt in eine Höhle voll Dunkelheit, Der erwachsene Blick „außerhalb
des Bildes", der kindliche, Die Höhlenbilder
in der Steinzeit und der Forscher in der Zukunft Und all diesen
Werken gemeinsam: Eine Bestimmung |
Klaus Voss: "Ich entdecke eine Steinzeithöhle", 1974 |
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Acryl,
Sand, Pigmente auf Leinwand, 1996
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"...hier befinden
wir uns in einer richtigen Hexenküche" : sagte mir die Künstlerin und
meinte
damit die Art und Weise, wie sie ihre Farben selbst anrührt und zusammenmixt.
Eine sehr
direkte, feuchte, haptisch, matriarchaische Arbeitstechnik, Farben herzustellen
und mit
den Händen aufzutragen. Also: reiben streiche(l)n, anfassen (alles, was auch zu
zweit Spaß
macht...), Hand anlegen in sehr unmittelbarer Geste ohne Werkzeug.
Ein Dünenbild?
kollossales Erdbild? oder Körperbild ganz nah wahrgenommen... kitzelnd,
empfindlich, schamhaarig? und wir mit der Nase mitten drin?
SchAmhAArAnsAtz,
was für ein fusseliges Wort mit den schönen vielen A's, die umgedreht
das beschriebene Dreieck zeigen.
Unmittelbarkeit und
Geometrie: Jetzt kommen die Abstraktion und die Geometrie mit ihren
spitzen Werkzeugen zu Zuge; kratzend wieder frei legen, die zweite Möglichkeit
der
Künstlerin, sich Wirklichkeit anzueignen und zu formen.
Ja Lust und Geometrie: Wie kommt das zusammen außer in Dreiecksgeschichten?
Was freute sich die Künstlerin,
als sie von meinem Projekt hörte, Kunst auch von den Anfängen
her zu erschließen. So bekam ich ihren Katalog in die Hand gedrückt, und der
erzählte von
den vermutlich frühsten Dreiecksgeschichten der Menschheit, dem Versuch
Abbilder zu finden
für das unmittelbar erfahrene Werden, Wachsen, Sterben, früh verfolgt im Mond:
zunehmend,
voll, abnehmend. Jahreszyklus, Fruchtbarkeit. Eine Ursprungsdreiheit,
fortgestrickt bis zur
christlichen Trinität.
| So wie die frühen Künstler
(oder Künstlerinnen?), etwas gliedernd, in drei Stücke zerschneidend abzubilden versuchten und somit die frühste Theorie der Welt entwarfen, so sind wir auf andere Weise mit ihrem Leben verbunden: Durch einen Schnitt. Schnitte, wie eine archäologische Ausgrabung sie z. B. durch die Schichten Trojas gelegt hat. Diese zeigen uns Geschichte in Schichten als Ge-schicht-e. Solch
Ausgrabungsschnitte können wir dann als Lackabzüge
o |
Grabenprofil der Keimzelle Hamburgs |
Rositas Bild erinnert
mich an solche archäologischen oder geologischen Schichtungen, in denen
Leben sedimentiert ist; weiter an die Vielzahl möglicher zukünftiger Schichten
in unserem weiteren
Leben.
Jede geometrische Form
(die frühste, menschlichste, erotischste: das Dreieck) komprimiert dies
fortdauernde Werden, Wachsen, Vergehen und zugleich das Erinnern daran, das ein
Schnitt ist.
Wie versöhnt sich das,
was wir müssen mit dem was wir wollen, das blinde Fatum mit unserer Lust,
anders als durch Schönheit? Schönheit ist immer Aufgabe und Anlass von Kunst
gewesen.
"Schönheit als Notwendigkeit, der wir uns gern ergeben, weil sie unseren
innersten Wünschen
entspricht."
Nemesis, das
unerbittliche Schicksal, die unerbittliche Notwendigkeit kehrt in der
griechischen
Mythologie in vielfachen Metamorphosen in Frauengestalt wieder.
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Alle Frauengestalten
verweisen auf dieses unerbittliche Müssen in den Naturgesetzen. Eine unendliche, trickreiche Jagd entbrennt, menschliche Lust und unerbittliches Naturgesetz zu vereinigen: Aktaions Versuch an Diana heran zu kommen misslingt; er wird zerrissen, d.h. er ist der Zerreißprobe zwischen Wünschen und müssen nicht gewachsen. Zeus macht es schlauer, tarnt
seine
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Das Schicksal überlistet
durch eine Verwandlungswirklichkeit. Wunsch und Notwendigkeit
zusammengebracht: Die höchste Form von Kunst. Sie bannt diesen
Augenblick ...
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Bilder,
Abtönfarbe
auf
Papier,
1997
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Zwei Bilder hängen hier zusammen und ein weiteres um die Ecke.
Allen gemeinsam die
beiden senkrechten und verästelten Formen. Baumartig, teils in einander
fließend, teils deutlich getrennt; intensiver verschmolzen/ verschmelzend? als
es Menschen
können, aber eben nur zweidimensional. So nebeneinander geschaut ist man
versucht, eine
Beziehungsgeschichte zu lesen.
Das lässt an die herkömmliche
Zweierkiste denken, aber ich habe den Eindruck: 1. geht uns das
nichts an und 2. ist hier viel mehr zu sehen: und zwar ein Vorgang von
Lebensgeschichte, für den
es in unserer Sprache nur unzureichende Vokabeln gibt: "Bildung",
"Beziehung zwischen Mensch
und Umwelt", "Situation", "Dialektik von Subjekt und
Objekt", "Biographie", "Autobiographie". Wie
werden einem Formen, Menschen, Umstände langsam vertraut? Wie saugen wir Welt
in uns
hinein, werden aufgesogen und für andere vertraut, lieb, sichtbar...?
Geht es kolonialistisch in die Welt hinein, distanziert, ängstlich oder zärtlich?
Da erscheint für mich
auf einem der Bilder eine Blätterhand streichelnd, zupfend, schreibend
oder reißend; andere Durchblicke, Aufsichten, Ansichten werden sichtbar.
Erkennbare Dinge
(Symbole?) und Aussparungen.
Iris hat ihre Bilder
teilweise mit Papierschnipseln überklebt, ihre Malerei entwickelt, dann diese
Schnipsel entfernt und damit unbenutzte Flächen wieder freigelegt. Aussparungen
,die mit
besonderer Klarheit hervorstechen. Weiß gelassen, farbig gestaltet oder mit
erkennbaren Dingen
gefüllt, wirken sie wie Scherben oder Schichten einer anderen Realität,
herausgelöst aus dem
Diffusen dem Verschmelzen und Verschwimmen. Gleichzeitig Verwobenes und Gelöstes.
"Geschichten sind nur offen für Mitverstrickte"...
Nun könnte man
anfangen, diese "Dingsymbole" hermeneutisch, psychologisch oder sonst
wie
zu interpretieren aber das will ich nicht, weg von der leidigen Frage: "was
will der Künstler uns
damit sagen...?", viel mehr einfach kucken, einbringen, was ich weiß oder
was ich erfahren habe.
Bringen Sie ihren
gesamten Haushalt mit: z.B., was Sie morgens auf dem Klo denken; die
verschwommenen und die klaren Momente der eigenen Biographie. Situationen, in
denen man
einen sturen Stiefel fährt und eingezwängt ist auf einer bestimmten Schiene,
wie die Momente
von Entscheidungsmöglichkeit, die Knotenpunkte, von denen aus es wieder in
verschiedenen
Richtungen weitergehen kann.... Fließende Veränderungen und klare Momente und
Entschlüsse,
langsam Wachsendes und sorgsam vorausschauend freigehaltene Möglichkeiten, noch
in
Entscheidungen stecken und ausschnitthaftes Erinnern...
Was hat es ausgelöst? "Da muss mal gewesen sein".
Sonne scheint durch die
großen Atelierfenster: Zwei schmale, horizontal gespannte Bahnen
durchsichtiger Folie warfen Schatten auf das Papier: zwei senkrechte und verästelte
Formen:
Baumartig, teils in einander fließend, teils deutlich getrennt... Die Sonne
scheint, "man trinkt
ein Glas Wasser und besinnt sich"...
(Wolfgang Voss: Sechs Vorschläge für einen Weg durch die Kunst des Künstlerfrühling 1997 von Aqua santa bis Andreas Ziller, 1997/ 2003)