WOLFGANG VOSS - KUNST - INTERVIEW

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WOLFGANG  VOSS       -       KUNST       -        INTERVIEW        -        INDEX


"Schönheit ist eine Form des Verschwindens" 

TEXTE:  

 INTERVIEW: David Heppner     [ http://www.hobbymap.de/ ]

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1) Was steckt hinter dem Begriff Aktzeichnen und mit welchen Materialien arbeiten Sie dabei?

Aktzeichnen kann man auch "Zeichnen nach Modell" nennen. Das Modell ist
ein in der Regel nackter Mensch.

Der Zeichnende muss also den starken Eindruck einer Person - eines schönen
Körpers - vom dreidimensionalen Raum auf sein zweidimensionales Zeichenmaterial bringen
- mit den berühmt-berüchtigten "perspektivischen Verkürzungen" 

Das Material ist beliebig - es hängt von den Fertigkeiten, der Schnelligkeit und
der Dauer einer einzelnen Pose ab.

Ich empfehle: mit einem großen Format (z.B. DinA 2) anzufangen und als
Zeichenmaterial zum Einstieg einen sehr weichen (B6-B9) Grafitstift zu verwenden,
der eine eindeutige Linie hinterlässt.

Es sollte meines Erachtens zu Anfang die stark erkennbare, grafische Linie
stehen. Man kann dann auch Kugelschreiber oder Liner nehmen.

Selber habe ich mein Zeichenmaterial auf einen kleineren Block (DinA 3)
reduziert, da es mit der Zeit Lagerprobleme der ganzen Zeichnungen gibt. 

2) Wie ist Ihre Leidenschaft für das Zeichnen entstanden, wie hat sich diese bis
heute entwickelt und welche Rolle spielt das Zeichnen mittlerweile in Ihrem
Leben?

Ganz wichtig war für mich der Einfluss meines Vaters, der als Archäologe stets
Befunde dokumentieren musste - und so waren immer massenweise gute
Buntstifte vorhanden. Zum zweiten, dass das Zeichnen für ihn in der Jugend-
und Studienzeit eine wichtige Einnahmequelle war und ein großes Können in
der Familie liegt.

Für mich stand am Anfang das Kritzeln, das Situationen dokumentieren, dann
die eigene Form zu finden:

Vom Zeichnen in langweiligen Schulstunden, sind viele Erinnerungen
geblieben, die Äste kahler Bäume bilden "Gesichter", Risse in Mauern, Falten
im Stoff, eine unordentlich gewischte Tafel usw.: alles wurde zu
Fantasielandschaften.

Jeweils neue Orte, neue Beziehungen wurden durch die Linie erschlossen und
Zeichnungen wurden so etwas wie der Teil der eigenen Lebensgeschichte.
Dies aber noch stärker in meiner Malerei (,die hat aber nichts mit dem
Aktzeichnen zu tun.)

Vielleicht kann ich es für mich - kurz - so sagen: Die Malerei ist das Tagebuch,
die Zeichnung der "Schnappschuss".

Malerei und Zeichnen hatten für mich von Anfang an etwas unbedingt
"Widerspenstiges": 1970 eingeschult wurde ich noch "schlagkräftig" von Links
auf Rechts umgestellt, was das Schreiben anbelangt; beim Malen schließlich
gab es den ersten harten Schulkampf, der zu Resultat hatte Malen und alles
Wichtige mit Links!

3) Geben Sie uns einen kleinen Eindruck in eine Akt-Session. Wie läuft diese
für gewöhnlich ab, wie viele verschiedene Posen können Sie malen bzw.
zeichnen und welchen Einfluss nimmt das Model auf das Ergebnis?

Viele dieser Fragen werden auf meiner Homepage speziell der Seite
"Aktzeichenkurs"
- http://wolfgang.kopflos-ev.de/einzelseiten/02aktzeichenkurs.htm
beantwortet:

BESCHREIBUNG: 

Der Kurs beginnt mit 4 mal 5-Minuten-Posen zum "Warmwerden". Die
Zeichnenden können in Anschluss daran reihum Posen und Zeiten zwischen 2
bis max. 20 Minuten wählen.

Nach einer Stunde gibt es eine Pause von 15 Min. Nach der Pause wird es
spannend mit einem Set von 5 mal "schnellen" 2-Minuten-Posen - zum Training
der Aufnahmefähigkeit (dies bringt vor allem Anfänger in der Entwicklung
schnell voran). Dann werden wieder Posen unterschiedlicher Länge bis zum
Ende von den Teilnehmern vorgeschlagen.

Die Akt-Session ist das Einlassen auf die Dynamik der Pose und die
Ausstrahlung, den Typus, des gezeichneten Menschen mit einer recht
schnellen Umsetzung in der Zeichnung - also kein "akademisches"
Anatomiestudium.

Die Teilnehmerzahl ist schwankend, da es sich bei meiner Veranstaltung um
eine offene Gruppe handelt: zwischen 2 und 12 Personen, durchschnittlich 6-
7. Der Abend ist zeitlich sehr straff gestaltet.

Bei den Anfangs- und 2-Minuten-Posen bestimmt allein das Modell die
Darbietung. Bei den Wünschen nehmen die Teilnehmer intuitiv Rücksicht auf
das jeweilige Modell, so ist bisher noch keine Überforderung (oder
Kompromittierung ) der Modelle vorgekommen.

Der Einfluss des Modells auf das Ergebniß ist total ... aber unbeschreiblich:
Körperbau, Spannkraft, Befindlichkeit, Motivation, Selbstbewusstsein... sind
einige zu benennende Einflüsse, die das Modell mitbringt, bei den
Zeichnenden sind es ähnliche Faktoren - Lust, Tagesform, Empfänglichkeit,
Können usw...

Das erstaunliche ist: die Modelle bringen die Gruppe - so unterschiedlich diese
auch sein mag - in einen Gemeinschafts-"Groove" - dieser ist allabendlich
zwar deutlich spürbar - aber (glücklicherweise) unerklärlich...

4) Was muss ein gutes Aktmodel aus Ihrer Sicht machen bzw. können, damit
die Maler/ Zeichner ihr Potential voll entfalten können?

Das ist so vielfältig wie es Menschen gibt. Ein Modell sollte Freude an der
"Arbeit" haben oder einfach gerne mal nAcKT sein.
Hier sind die Anfänger genau so gut wie sehr erfahrenen Modelle.
Ein professionelles Verhältnis zum eigenen Körper (z.B. Tänzer,
Schauspieler) kann genauso gut wirken, wie das "Ausprobieren" ob man es
sich zu-traut.

Ich suche mir gerne möglichst unterschiedliche Typen aus, wobei der etwas
"moppelige" Frauentyp mit dem gewissen "Hüftgold" mir der liebste ist. (Also:
weg mit der Brigitte-Diät! steht zu den wunderbaren Rundungen!)

Es braucht natürlich die Grundfertigkeit, eine Pose, einen Ausdruck auch mal
10 (maximal 15) Minuten halten zu können oder bei Minuten-Posen auch kurzfristig-spontan
eine Anstrengung auf sich zu nehmen. Also: Dynamik und eine gewisse
Standfestigkeit.

Manchmal wundert man sich – denn es gibt auch „zugeknöpfte“ Aktmodelle,
daraus kann aber ein wunderbarer Wettstreit entstehen, wenn ein Modell
eigentlich unwillig ist, dann müssen die Zeichnenden die Schönheit auf ihr Papier
entführen, entreißen, locken…

Wenn die Locken locken und die Fesseln fesseln, dann sollte es sich schönsten falls einstellen:
wechselseitige Hingabe…

... wenn dies gelingt, finde ich z.B. in meinem Postfach folgende Nachricht:

"Lieber Wolfgang

Ich wollte mich nochmals bedanken. Diese Montagabende bei dir tun mir so unglaublich gut,
machen mir riesigen Spaß und beflügeln mich noch lange über die Treffen hinweg.
Leider zeichne ich nicht so gerne, sonst würde ich so oft wie möglich kommen.
Danke, dass du diese wunderbare Gruppe ins Leben gerufen hast. Danke, dass ich manchmal bei euch stehen darf.
Nun wünsche ich Dir einen wunderbaren Dienstag und bis bald."

***



5) Was macht für Sie den Reiz und die Faszination am Zeichnen und
besonders am Aktzeichnen aus? 

Vor 40.000 Jahren entstand eine kleine Skulptur, die "Venus-Figur vom Hohle
Fels" (Schwäbische Alb, sozusagen die mehr als 10.000 Jahre ältere Schwester
der "Venus von Willendorf")

   

- Eine sehr dralle, sehr geschlechtsbetonte Frauenfigur ist das bisher älteste Kunstwerk,
das wir zurzeit kennen.

Startete die menschliche Kunst mit einem "Pin Up", ist sie die pragmatische
Scheffin des Klans oder ist es eine Göttinnenverehrung? Wir werden es wohl
nie erfahren, welchen "Zweck" sie hatte. Sicher ist, dass die
Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper wohl den Anfang aller
 
Kunst markiert.

Die Dimension "was das Schöne sei" wird durch alle Jahrtausende -
Jahrhunderte immer wieder neu beantwortet. Jeden Zeichenabend stellt sie
sich für jeden neu!

   

Im Paradies ist Erkenntnis zugleich
Sündenfall mit Vertreibung aus allen
naturgegebenen Sicherheiten: "und sie
erkannten sich". Das ist ein Erlebnis,
das jeder Aktzeichnende immer wieder
erfährt: dass "Unschuld" nicht nur unter
Schleier und Bhurka zuhause sein kann,
 sondern auch im genauen Gegenteil,
dem vertrauensvollen Nacktsein.

Ein Modell macht den Zeichnenden
immer ein Geschenk! (- auch wenn es
natürlich ein gutes Modellhonorar
gibt.)

Wir machen dem Modell ein Geschenk
mit der Zeit. Eine gezeichnete Pose
verbindet Bild, Subjekt, Zeit im Stillstand
der abgeschlossenen Zeichnung. 

So wie diesmal werden wir nie wieder sein "panta rei" "panta rhei" - alles fließt! (Euklid)
und das Ergebnis ist häufig - enttäuschend, manchmal aber einfach -
wahrhaftig! Wir verknüpfen unsere Zeichnung mit einem wirklichen Menschen - das
gemeine Bild heutzutage ist unkörperlich geworden - die Katastrophe am
anderen Ende der Welt, der Skandal, die heutigen Bilder wollen nur: neue
Bilder oder den Kaufimpuls.

So kommen wir dahin, dass unser Bemühen eines Abends immer auch
widerspenstig ist zum Geist der Zeit, der sich zwar immer mehr bebildert aber -
aber auch immer mehr entkörpert.

Deshalb bin ich gerade durch das Aktzeichnen ein starker Verfechter des
"WEP_03" geworden (=Wirklich Echte Personen). Mit Lust eine wirkliche
Person unter der Hülle zu finden und keinem digitalen "Profil" ausgeliefert zu sein,
hoffentlich immer wieder und immer mehr "besessen" zu werden von dieser konkreten
Schönen, selbst wenn die Zeichnung schmählich scheitert, so ist es doch fast die
zärtlichst- schönst- mögliche Form des Scheiterns...
Begehren als „Untermalung“ der Zeichnung sollte man nicht leugnen sondern – pflegen.
Es erstaunt immer wieder, welche Wertschätzung die ganze Gruppe in gemein-
samer Euphorie dem jeweiligen Modell entgegen bringt. Jedesmal im ernstesten
Mittelpunkt zu stehen und so geschätzt zu werden - da ergibt sich eine Wärme,
die kein Heizlüfter zu schaffen vermag.

...Und Jäger-Sammler sein beim Modelle finden: Auch die Aufregung und Vorfreude ist nicht
zu vergessen, die es bedeutet jemanden Schön-Geeignetes zu treffen und die Atmosphäre
für die "Anfrage" zu schaffen - denn das geht häufig schief -
Verlegenheitsfalle oder Mutprobe zur eigenen Lust & Freude? - der Grad ist schmal.
... wie Schmetterlinge fangen mit dem Käscher ist das Modelle um- und anwerben.
Viele Modelle melden sich auch von sich aus - und ein neues Aktmodell ist immer auch wie
ein Weihnachtsgeschenk (,das sich auch noch selber auspackt)!

Ein schönes Modell, eine gelunge Pose, kann mit der ganzen menschlichen Evolution
versöhnen, die meines Erachtens aus Krieg, Raub und Vertreibung besteht und
selbst in Friedenszeiten in ürberbordelndem Ressourcenverbrauch besteht.
"...mein lieber Schöpfer, das ist ja alles eine ziemliche Scheiße, was da an Menschheit
bisher stattgefunden hat, aber die schönen Brüste Evas versöhnen mich (manchmal)..."
Nacktheit scheint einen großen Teil der Beziehungsenergien zu schaffen, die es braucht,
das alles vor dem Kollabieren zu schützen.

Der (Künstler) Zeichner sollte sich ja nichts einbilden auf seine Werke - er ist
eher ein Emfänger als ein Produzent. Nichts wird es ohne die Mitarbeit der
Modelle, die ein Bild in der Zeit hinterlassen wollen!

6) Wenn man bereits Erfahrungen mit dem Zeichnen gesammelt hat, durch
Ihre Worte neugierig geworden ist und nun selbst mit dem Aktzeichnen
beginnen möchte, wie findet man am besten den Einstieg, wohin kann man
sich wenden?

Das ist natürlich ganz und gar Region-abhängig - die Metropolen bieten hier
meist die größte Auswahl.

Beginn sollte durchaus ein künstlerisch "angeleiteter" Kurs sein. Die
Volkshochschulen, Malschulen, Künstlerinitiativen, (Sommer-)Akademien usw.
Dies sollte man dann aufgeben, wenn nicht ein gewisser "erotischer Funke"
überspringt: Sei es, dass die Kursleitung nicht weiss, was sie will oder die 
Modelle einfach keine Bühnenpräsenz haben, oder seltsame Selbstdarsteller 
unter den Mitzeichnern die Atmosfäre vergrätzen...

Dann sollte man dahingehen, wo ein bischen Paradies ist! - oder es sich selber
schaffen, indem man einen eigenen Kurs gründet.

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben, ich wünsche Ihnen weiterhin viel Spaß und alles Gute!

 



Im Atelier, nackt


Gesammelte Augen
auf dem Einzelkörper. 
Luft pulsiert Ruhe, 
der Geist atmet Fleisch. 

Blicklinien, Blickspuren 
die sich treffen auf der Haut, 
um zu werden: Linie und Spur 
auf weißem Geblatt

Kohle, Wasser, Vaseline, 
Tinte, Bleistift und Spray: 
Alchemie 
von Rundung und Gerade. 

Mein Körper fiebert in der Haltung: 
Flügelmuskel, erreckt
krumm verkauert
schlafend gestreckt. 

II 

Nachts noch seh ich Eure Augen: 
rot-schwarze Gluttierchen, 
häutlings gleitend über 
Schatten und Licht. 

gewidmet von DAN den Aktzeichnern in Hannover (2002)
(Daniela Lindemann)

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meine Antwort
(auf DAN):

[Schönheit ist eine Form des Verschwindens]



Begeistert, wie mit Kinderaugen

folg ich jeder Rundung.

Stellvertreter ist der Stift

für zärtliche Erkundung.

 

Alles Ferne trifft mein Sein -

Verzweifeln eines Findens.

Schönheit aber ist allein

die Formung des Verschwindens.

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GEWEBEWEG – ein Palindrom:

„Du Schöne! Man kann dich auch von hinten lesen…“ schreibt Kurt Schwitters in A N N A Blume.
– in allen Zimmern in meiner Wohnung – gerahmt und ungerahmt hängen sie die Schönen,
so gibt es ein Erwachen mit Helena, Irina, Miriam, Laura, Sarah usw., Duschen mit Wera,
Christine und wechselndem Besuch, Frühstücken mit Imke und Johanne…

Das könnte in aller Schönheit sagen: „Du musst die Menschen lieben, auch, wenn spätestens
das Radio im Nachrichtenteil das Gegenteil nahelegt – es sei die menschliche Evolution ein
Trauerspiel, Krieg, Mord, Ausbeutung global die Regel statt der Ausnahme. Blauer Planet
bald ausgesaugt. – Aber in den Momenten mit diesen allen durch die Jahrzehnte, da ist
tatsächlich mal etwas geglückt.

Entkleiden: Vorspiel und Scham – von den Nackten im Paradies heißt es: „und sie erkannten sich“
– da wurde ihnen auch schon fristlos gekündigt.
Unschuld und Erkenntnis (im Kleistjahr) wieder zusammen bringen im „Marionettentheater“:
„wir müssen ein zweites mal vom Baum der Erkenntnis essen“ – Kleist stellt sich vor, unsere
Vernunft hat uns aus der Unschuld vertrieben und wir müssten es schaffen, durch die ganze
Rationalität hindurch am Ende wieder Natur zu werden.

Verschleiern, um unerkannt, unschuldig zu bleiben – oder nackt sein, weil man es eigentlich
immer ist. Der Blick auf den nackten Körper: entehrend oder gerade ehrend? sind doch unsere
Modelle nie nur Mittel zum Zweck, sondern auch immer das Ziel! Ich würde nie mit einem Modell
zusammen arbeiten, dem das nicht Spaß macht. Es kann kurzfristig eine Mutprobe sein, aber
dann kommt die Entscheidung: weiter machen oder aufhören!
Und unsere Modelle sind Ratgeber – viel besser als ich wissen sie jeweils, wie eine Mappe
aussehen sollte…

Das Nackte als die große Ambivalenz: frei vom Korsett des restlichen Alltags – erkannt,
verstanden sein? oder bloßgestellt, „da musste ich die Hosen runter lassen“, Rumpelstilz zerreist
sich beim Erkanntwerden, die Heinzelmännchen helfen nicht mehr, sobald die entdeckt sind.
Bei des Kaisers neuen Kleidern ist es eine Entlarvung, die nur ein Kind sich trauen darf – oder ein
Dissident sich traut.

Hier zeigt sich: das erkannt/ benannt sein zerstört, was es am tiefsten wünscht. Die Religionen
haben uns den Leib als ziemlich sündig vermittelt – gehen wir zurück in den überlagerten Mythos:
dort ist das göttliche Nackte fast immer ein Sinnbild der Notwendigkeit (Unausweichlichkeit des
menschlichen Schicksals) Wer dies in seiner nackten Wahrheit erkennt, erblickt, wird zerrissen.
Aktaion sieht die badende Diana… das bekam ihm nicht gut. So kommt es zum Verstecken,
dem Blick durch’s Schlüsselloch.

Wir möchten das Notwendige erkennen ohne beschmutz, entehrt zu werden – Erkenntnis
ohne Irrtum, unbefleckte Empfängnis (Nietzsche macht daraus die „unbefleckte Erkenntnis“ und
will damit zeigen, dass Individuation nur durch Zerrissenheit zu haben ist – „Angst ist die
Voraussetzung der Freiheit“ bei Kirkegaard).

Wo beginnt die Malerei?
die frühen Höhlenbilder zeigen die ganz existenzielle mythische Verbindung zwischen Kunst
und Lebensnotwendigkeiten – heute scheint es so, als habe die Bilderflut die wirklichen
Dinge verloren.

Natur und Abstraktion versuche ich durch ein Gewebe zu verbinden: das Gewebe der
Erinnerung, Lebensfaden, Schicksalsteppich (bei Velazquez). „wir weben hinein den
dreifachen Fluch…(Heine)“
– also im eigenen Leben versuchen die Flüche zu finden – die eigenen, die fremden.

Spinnenweben auf dem Dachboden: das eigenen Leben als Gespinst – eingesponnen und
aktives Spinnen…
(auch in Net und Web); Erinnerung, Geschichte(n): Schicht steckt darin und führt uns physisch
zu den Malschichten zurück, der Überlagerung von Gouache auf Acryl.
Aufbauen und teilweise wieder dekonstruieren. Wechselspiel zwischen Schichtung und Erosion.

Die Technik der gedanklichen Abstraktion und die Technik der (auto)biografischen Konstruktion
entsprechen einander: die Geschichte des Lebens ist weniger eine ge-fundene sondern
hauptsächlich eine er-fundene (ersponnene). Bilder als Embleme, Kapitel-Überschriften
des eigenen Lebens: als Blick zurück beschreiben-bezeichnen sie etwas, was war – aber wie eine
Kapitelüberschrift zeigen sie auch, was kommt. Initialzündung-Initiale (gezeichneter
Großbuchstabe z.B. in Bibelhandschriften oder Märchen. Der erste Buchstabe enthält als kleine
Illustration die kommende Geschichte. Reflexion und Antizipation, was uns berührt hat
und berührt.

Das eigene Tun als Weltdeutung und Welterschaffen: die Mitzeichner kurzfristig in einem
engsten Zirkel der Vertrautheit eingesponnen, so habe ich für alle einen Wunsch – wieder ein
Palindrom: NIE SOLO SEIN!

 


 



I. Die Modelle und ihr Schatten:


"Die Wirklichkeit ist Schatten des Wortes"
(Bruno Schulz)

"Hier setzt aber die Kunst an, deren Rolle es ist, zu den verschütteten Quellen,
so weit wie möglich, zurückzufinden. Die Rolle der Kunst sei die „einer Sonde,
die ins Namenlose hinabgelassen wird.
Der Künstler ist ein Apparat, der Vorgänge in einer Tiefe registriert,
in der Werte geschaffen werden"."
(Bruno Schulz zit. v. Francis Pierquin)

  

Foto: Lilian Landesvatter

 

 

II. Dem Schatten eine Wahrheit verleihen:

Häufig sind die Schatten der Modelle eine Übertreibung der Pose.
Auch das Nacktsein bringt eine Wahrheit ans Licht, verstärkt das sonst Übliche.
Hier gibt es z.B. "den Flaschengeist" eine sonst eher schüchterne Person steht Modell, wie man sich
einen plötzlich geöffneten Schnellkochtopf vorstellt, oder den Geist aus der Flasche, der lange
im zu kleinen Volumen gelebt hat, jetzt sich zur vollen Existenz ausdehnen kann.

Oder: "Der Vogel im Käfig",
der Körper der "Tänzerin" scheint allzeit bereit im Dienst und Werkzeug
sein zu müssen; nicht mehr Subjekt eigener Spannung, Entspannung, Neugier oder Lust zu sein. Sehr
profressionell wirkst Du doch immer traurig wie eingesperrt.
Räkel Dich! - unser Interesse unsere Besessenheit ist deine Antwort. Unsere Antwort ist es dem Schatten
der Person Wahrheit und Ausdruck zu geben.

"Das Verborgene ist die Essenz der Wahrheit" (Lech Majewski).

Oder: die "Porzellanfrau" - erinnert sie uns an eine eine kleine
Porzellanfigur schön, glatt-schimmernd, zerbrechlich. Hat dabei eine
unglaubliche Kraft in ihrem sonstigen Tätig-Sein, sei es die eigene
Kunst, das Tanzprojekt oder was auch immer.  Immer total. Dann plötzlich wie
ausgesaugt, ein hohles Gefäß, in dem die Kraft erst wieder nachwachsen
muss - die Verzweiflung ist zu spüren, auch die nachgewachsene Kraft, wenn
sie dann gerade Modell steht...



Ein Gedicht - ein Teil davon das Bild: "Was kann ich Dir taugen?"


[Minotauros]

Finde ich Dein schwarzes Haar?
find' ich Deine Augen?
fass' ich diesen Körper da?
Was kann ich Dir taugen?

Tauge ich zum schnellen Glück?
taug' zur langen Weile?
tauche ab - find nicht zurück -
taug' nicht mehr zur Eile!

Suche, was ich für Dich find'
Finde viel - ein Labyrinth…